In AI WEI WEI – THE FAKE CASE kommen wir dem Künstler, der als gefährlichster Mann Chinas bekannt ist, so nah, als seien wir sein Kumpel. Filmemacher Andreas Johnsen gelang es mit seiner Kamera unterm Arm, während dessen Bewährungszeit bei Ai Wei Wei zu sein, als dieser eigentlich keine Interview geben durfte.
Wir erinnern uns: Immer wieder übt Ai Wei Wei mit seiner Kunst Kritik am chinesischen Staat, wurde deshalb unter dem Deckmantel einer Anklage wegen Steuerhinterziehung monatelang eingesperrt und kam dann auf Bewährung frei. Auf Bewährung – das hieß komplett überwacht und abgehört zu werden, auch im Schlaf.
Meine erste Begegnung mit Andreas Johnsen fand per Telefon statt anlässlich der Verleihung des „See the Sound – SoundTrack_Cologne 10“, den Johnsen 2013 für seinen Film KIDD LIFE gewann. Das persönliche Treffen folgte nun zum Kinostart von AI WEI WEI – THE FAKE CASE, und war dann ungewöhnlich herzlich. Für einen Moment dachte ich, „wie schön, dass er sich erinnert.“
Im Laufe des Interviews wurde diese offene, herzliche Art immer undurchsichtiger und weniger persönlich. Als mir Kolleginnen erzählten, dass er auch sie beim ersten Aufeinandertreffen so herzlich umarmte hat wie mich, begann ich mich zu fragen, ob das vielleicht genau die Art ist, mit der Johnsen seine Mitmenschen für sich gewinnt, um sich ihnen dann mit seiner Kamera nähern zu dürfen.
BETONDELTA: Wie hast du es geschafft, trotz der Bewährungsauflagen Ai Wei Wei so nahe zu kommen – wir sehen ihn nicht nur mit seinem Sohn beim Schwimmen, er diskutiert sogar seine Kunst?
ANDREAS JOHNSON: Als ich ihn das erste Mal angerufen und gefragt habe, hat er abgelehnt, weil er zu beschäftigt war und alle einen Film über ihn machen wollten. Aber ich habe den Kontakt per Mail mit ihm und seiner Assistentin weiter gehalten und nachdem er einen meiner vorherigen Filme gesehen hatte, hat er endlich zugesagt.
Begonnen habe ich schon 2010 und da ich dieses Vertrauensverhältnis zu ihm hatte, war es für ihn völlig natürlich, dass ich nach seiner Entlassung zu ihm gefahren bin. Außerdem wusste ich, wann ich die Kamera weglegen musste, um einfach mit ihm und seiner Familie zusammen zu sein.
„Ai Wei Wei nutzt jede Situation für sich.“
Obwohl dein Film einen Künstler begleitet, sehen wir relativ wenig von den Kunstwerken, den Installationen, die Ai Wei Wei produziert. Dein Film zeigt aber sehr schön, wie die Person Ai Wei Wei und seine Kunst letztlich deckungsgleich sind. Was fasziniert dich so an ihm?
Als Künstler finde ich ihn sehr spannend. Er weiß, dass er ein Recht auf diesen Kampf um Gerechtigkeit hat und ich bewundere ihn dafür, so mutig zu sein. Er ist aber auch ein liebender Vater, der sich um seine Familie kümmert und trotz allen Hindernissen so unglaublich kreativ ist. Es gelingt ihm die negativsten Situationen zu seinem Besten zu nutzen. Ich denke, das macht das Leben aus.
Hast du ein konkretes Beispiel für uns?
Wir saßen mal in einem Café und tranken Tee. Ich hatte meine Kamera nicht dabei, weil ich ihn nicht in der Öffentlichkeit filmen durfte. Mir war es generell nicht erlaubt, in China zu filmen. Plötzlich hat er zwei Sicherheitsbeamte an einem Tisch in unserer Nähe entdeckt. Er hat sein iPhone aus der Tasche gezogen und die beiden Männer gefilmt. Die haben sich so dafür geschämt, dass wir ihre Identität aufgedeckt haben, dass sie so getan haben, als wären wir nicht da. Am Ende sind sie einfach aufgestanden und gegangen. Für uns war das offensichtlich ein Sieg. Ai Wei Wei hat dann den Aschenbecher mitgenommen, den die beiden benutzt haben.
Als am nächsten Tag eine Galerie nach einem Objekt für eine Ausstellung gefragt hat, ist Ai Wei Wei ohne nachzudenken sofort der Aschenbecher eingefallen, den er dann zusammen mit der Geschichte angeboten hat. So wurde diese Konfrontation mit dem Regime in Gestalt der Überwachungsbeamten zu einem Kunstwerk. Sehr klug, wie er die Situation nutzt, in der er ist.
Hast du dich je in Gefahr gefühlt, als du in China warst?
Nein, in Gefahr nicht, aber ich konnte den Druck spüren. Natürlich war das nicht der gleiche Druck, den Ai Wei Wei aushalten muss, aber mich haben sie auch manchmal verfolgt, wenn ich nicht bei ihm war und das war stressig. Ich musste mir immer wieder sagen: Ich besuche nur einen Freund, mehr nicht! Ein paar Mal hat die Polizei mich nach meinem Pass gefragt, aber das war es auch schon. Ehrlich gesagt hätte ich gerne auch Interviews mit Politikern oder anderen Regimevertretern geführt, aber das war nicht möglich.
„Es geht immer um mich und die Menschen, die ich filme.“
Wie bist du auf die Idee gekommen, Ai Wei Wei zu filmen?
Tatsächlich war meine eigentliche Mission, meine Neugier an China und Ai Wei Wei als Person zu stillen. Der Film war in dem Fall also mehr ein Nebenprodukt, aber es hätte auch eine Ausstellung, Fotos oder Performances sein können. Ich glaube, ich brauche ein kreatives Ausdrucksmittel, aber es muss nicht unbedingt Film sein.
Also könntest du dir gut vorstellen, dass das Nächste, was du machst, kein Film ist?
Allerdings, ich mache jetzt schon andere Dinge. Ich mache Performances mit meinem Bruder. Ich habe ein Restaurant mit meiner Frau in Kopenhagen. Ich habe einen Sohn – bin also auch Vater.
Bei deinen Filmen bekommt man den Eindruck, dass du vor allem alleine arbeitest und gar nicht, wie man das von Filmen gewohnt ist, im Team.
Ja, wenn ich filme, dann bin ich alleine. Aber vor allem, weil die Kamera sekundär ist. Eigentlich geht es um mich und die Menschen, die ich filme. Also bestand das Team in diesem Film aus Ai Wei Wei und mir und all den Menschen, die in der Zeit dabei waren. Wenn ich dann zurückkomme, dann arbeite ich im Team. In der Postproduktion gibt es dann ein weiteres Team – einen Editor, einen Soundmenschen, vielleicht einen Produzenten.
Was sind deine Pläne?
Ich habe keinen Plan außer, dass ich die nächsten sechs Monate zu allem Ja sagen werde und dann werde ich Nein sagen zu allem. Es gibt so Viele, die diesen Film zeigen und mit mir sprechen wollen. Aber das kann man nur eine bestimmte Zeit lang machen, dann ist man erschöpft.
No comments