Schluss mit „Heidi-Deidi“

44 Posted by - 18. Februar 2015 - Protagonisten

Wir stecken gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich in der Krise, um nicht zu sagen in der Scheiße. Wenn wir so weitermachen, so weiter produzieren, so weiter konsumieren, verreckt unser Planet oder wir vor ihm. Kaum einer geht noch wählen oder glaubt, dass das was bringt. Wir werden zu oft zu Verdächtigen und Produkten reduziert. Liest man den Introtext zur neuen Ausgabe des Berliner Artistz GRAFFITI MAGAZIN No. 6 bekommt man den Eindruck, auch die Graffitiszene steckt in der Krise.

Der Writer WAY, der sich ganz offenbar Luft verschafft, beschreibt die „Szene“, die er seit 20 Jahren frequentiert, als voll von „Soziopathen, Narzissten oder sonstiges“. Er beschwert sich über zu viele Egos, die kühl kalkuliert zu ihren Gunsten handeln, sich mitschleifen lassen und selbst das optimal vermarkten. Kein Schimmer von der großen Familie, Crew-Love oder ähnlichen Selbst-Feiereien, die gerne neben endlosen Bildstrecken bemalter Züge und Wände in Magazinen auftauchen. Was ist da los? WAY hat den Mut zur Kritik auch an seinen eigenen Entscheidungen:

Es wäre für mich sinnvoller gewesen, wenn ich mit dem Kram nicht angefangen hätte

Und er webt eine Gegendarstellung zu einem Nachruf auf einen Kollegen ein, der in einer früheren Ausgabe des Artistz GRAFFITI MAGAZIN No. 2 betrauert wird. Zwischenmenschliche Abgründe blitzen auf – bleiben unerklärt, was vielleicht auch besser so ist, war der Zwist doch vielleicht von Beginn an nichts fürs Papier.

Was für ein Intro! – Liebe und Hass, Tod und Reue. Eine knallharte, filmreife Abrechnung. Dabei ist das Cover so voll von kollaborativem Graffitigenuss und auch der Rest des Magazins zeigt eine sorgfältig ausgewählte Bandbreite der vitalen, aktiven Berliner „Szene“, die auch aus smarten, gemeinnützigen Beweggründen agieren kann.

Notizen aus dem INTERVIEW mit den Machern Enzo Ricordo und Mr. Artistz

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Zum Cover: Bemalte Bude mit Skyline-Panorama

ENZO: Zu dem Zeitpunkt war gerade Streik in Berlin und auf der S9 ist eine schöne bemalte Bude herumgefahren, ne schöne Sputti auch noch. Die Sputti ist eine der ältesten S-Bahn-Modelle, die es in Berlin gerade gibt und deswegen immer sehr begehrt. Die war von hinten bis vorne zu. Es waren 12 Panels, ein Hänger war frei, sonst war alles dicht. Ich wollte natürlich die Gesamtoptik haben – die einzige Möglichkeit mit Skylineblick ist das Dach der Alten Weberei. Aber das Gelände ist in Privatbesitz, abgeriegelt und das Dach auch noch einstutzgefährdet. Trotzdem bin ich dahin und habe die Leute, die zufällig da waren, angeperlt, ob ich nicht vielleicht doch…“Niemand geht da hoch“, geht gar nicht klar, auch ein angebotener Zweizeiler zur eigenen Gefahrenübernahme würde nicht helfen. Ich bin dann eine Weile hin und her getingelt zwischen 4. Stock und dem Besitzer, war sichtlich unzufrieden und er war dann irgendwann auch genervt: „Was soll ich denn machen?“ „Dann guck doch kurz weg.“ Ohne weitere Worte, war das der Schlüssel zu diesem Bild: Zwei Minuten später kam das Ding. Extrem dankbare Optik. Jetzt schulde ich dem Besitzer einen Kasten Bier.

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Zur Auswahl der fünf (!) Bildstrecken

ENZO: Es gibt in Berlin zwischen 20-30 Akteure, die wir gut finden. Das ist schon mal eine Vorauswahl, weil es auch relativ viel Rotz gibt. Mit den Leuten, deren Sachen wir feiern, haben wir uns getroffen und um Material gebeten. Dazu habe ich relativ viel aus meinem eigenen Archiv beigesteuert (Anmerk. der Red.: Enzo fotografiert seit 15 Jahren belackte Bahnen.

MR. ARTISTZ: Was gar nichts bringt, sind Onlineaufrufe. Das lockt nur die, die meinen sie verdienen ein Forum. Deswegen haben wir uns die Mühe gemacht, die zu treffen, die wir sehen möchten.

ENZO: Nach dem optischen Trenner als Introbild, setzen wir gerne einen schönen Whole Car oder ein T2B („Top to Bottom“) – muss aber auch nicht sein. Bei den Bildern achten wir sonst in der Auswahl und Platzierung darauf, dass es stabile Panels sind, die schön in Szene gesetzt sind und stilistisch zueinander passen. Hinten raus noch ein schöner bunter WC (Whole Car) von der HACF-Crew mit Charakter und so – ist nicht wirklich gefahren, also exklusiv. Und halbwegs ausgeglichen sollte es sein.

MR. ARTISTZ: Die Bilder sollen alle auch von der Farbigkeit passen, dass es nicht so zusammengeholzt aussieht.

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Same Hate? BUZZERS Special

ENZO: Ist lustigerweise ein bisschen same Hate, aber die Akteure kannten die Texte der anderen nicht. Das war also nur Zufall aber da sieht man, dass WAY nicht der einzige ist, der das so sieht. Auch die BUZZERS sind viel unterwegs und investieren viel Zeit. Wenn man dann ständig Leute trifft und merkt, das geht alles in die Mainstream-Richtung: schnell rumreisen, Systeme abhaken, alles schön mit GoPro filmen, rauf auf die DVD, 60minüter für einen Zwanni verkloppen – da kann man sich schon zwischendurch fragen, wo bleibt die Liebe. Aber jeder hat andere Ambitionen, warum er das Hobby betreibt.

ENZO: Die Bilder aus dem BUZZERS-Special sind alle analog, außer dem letzten, was der Gruppe auch wichtig war. BUZZERS fotografieren selbst vor allem analog und das gibt den Bildern diesen alten Flavour, der auch im Magazin zu sehen ist. Auf Seite 18 beispielsweise sieht man eine alte Nietenbahn. Die fährt schon seit einer ganzen Weile gar nicht mehr. Die stand irgendwann mal nachts rum – das ist eine totale Rarität, nach der sich jeder die Finger lecken würde. Das letzte, digitale Bild hat dann aber noch „TransGourmet“ auf einem LKW als kleinen Goody am Rande, passend zu dem Hate-Rezept, welches BUZZERS als Text beigesteuert haben.

Ein Stück Berliner Graffiti-Geschichte

In dem Musical „Linie 1“ taucht eine U-Bahn auf – mit schöner, kleiner Geschichte, die wir hier jetzt nicht vorweg nehmen wollen, außer diesem Zitat aus dem Magazin:

Am Ende bleibt ein Stück Zeitgeschichte zurück und die Tatsache, dass es wohl einen der ersten besprühten U-Bahn Waggons in Berlin darstellt, noch dazu legitimiert von der heutigen BVG. Sie ahnten noch nicht, was die nächsten Jahrzehnte auf sie zukommen sollte …

ENZO: Ich kannte den Film nicht, aber viele Berliner mit denen ich im Zuge dieser Story gesprochen habe, kannten das Musical und waren mit der Schule mal im Gripstheater gewesen. Aber im Musical ist keine bemalte Bahn zu sehen und es wundert mich, dass der Film nicht schon längst gesamplet wurde oder die Texte für Raps genutzt wurden, weil es sich extrem anbieten würde.

Orte zum Leben erwecken – OASE Special

ENZO: Der Übergang von der Wände-Bildstrecke zu OASE ist ganz fluffig, weil OASE ja auch eher Wände malt – im kulturellen Brachland, wie er selbst schreibt. Es ist ihm gut gelungen, deutlich zu machen, dass er Nicht-Orte zu interessanten Orten umgestaltet bzw. sich diese Nicht-Orte aneignet. Das sprachliche Niveau ist definitiv gehoben, vielleicht etwas verkopft.

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Und sonst?

Mit der harten Abrechnung als Intro hat das Artistz GRAFFITI MAGAZIN No.6 eine markante Fallhöhe gewagt – und kann sie aushalten. Die sehr unterschiedlichen Texte und Bildstrecken funktionieren so gut, dass sie auch Szenefremde ziehen können, Spaß machen und Tiefe liefern. Wer noch nicht überzeugt ist: Es gibt sogar eine New York Front, soviel Sehnsuchtsort muss sein. Unser Lieblingszitat aus dem DSF-Special: „Die Sprayen Farbe (bisschen dumm)“. Lieblingspiece kommt von TIN „aus der Graphikabteilung“, wie Enzo einordnet. Wir sehen neue Traintypen und sind trotzdem total Berlin, eine geile SPIDER-Wand und zum Schluss ein exklusives Comic. Und, und, und…

 

Mehr Farbguerilla Stories im Interview mit den Machern des KLICK KLACK Magazins!

und im ARCHIV des Artistz GRAFFITI MAGAZIN.

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