Game Over – oder wie es doch weiter gehen könnte

30 Posted by und - 5. Februar 2015 - Protagonisten

Game Over? Irgendwie schon. Dieses Gefühl der Ohnmacht im Angesicht der Daten-Übermacht – früher oder später überkam es jeden Transmediale-Besucher in diesem Jahr – wenn auch nur für einen kurzen Augenblick.

Die Daten, sie sind längst in der Welt und sie sind zugänglich, verwertbar, monetarisierbar, für Politik und Wirtschaft – ob wir explizit zustimmen oder nicht. Wie soll man dieser Welt der massenhaft digitalisierten Daten noch Herr werden? Das und andere Sachen fragte man sich, als man so durch die elegant-spröde, kühle Architektur des Berliner Kongresshauses Haus der Kulturen der Welt streifte. Von Diskussion zu Diskussion pendelte man da, von Film-Screenings zu Performances, von noch halbwegs Hoffnungsvollen zu ernüchterten Whistleblowern.

Und das gerade auf der Transmediale, dem traditionsreichen Festival für Medienkunst und digitale Kultur, bei dem es neben aller kritischen Auseinandersetzung immer schon zuallererst um das Potential neuer Technologien ging: um die goldene Zukunft, um Meinungsfreiheit und Möglichkeiten zur Subversion. Aber auch hier ist nach Snowden nichts mehr dasselbe.

Wie wollen wir in einer digitalisierten Welt leben?

Alles dreht sich dieses Jahr darum, was sie denn nun wirklich bedeute, diese Welt, die das Festival-Motto mit „Capture All“ überschrieb: Eine Welt in der alles und jeder digitalisierbar geworden ist, in der jede kleine Gefühlsregung, jede Kaufentscheidung sofort einem neuen, einem ungeahnten Zweck zugeführt werden kann. Und dann war da noch diese Frage, die über allem schwebte wie ein mahnender Lichtgeist: Wie wollen wir in einer solchen Welt leben?

Schon die Eröffnung spiegelte konzentrierte die ganze Bandbreite möglicher Antworten: Von „Game Over, wir können das Spiel nicht mehr mitspielen, nur aufhören zu spielen“ bis: „Fight back!“ war alles dabei. So viele Haltungen gab es zu „Capture All“, so viele Ansätze, diesem Gespenst der totalen digitalen Erfassung und Auswertung auf die Spur zu kommen.

Choose life

Die Transmediale ist bekannt dafür, renommierte Wissenschaftler und Autoren einzuladen, die dann auf enorm hohem Niveau diskutieren. Selbst ein belesener, interessierter Zuhörer wird gnadenlos abgehängt, wenn dieser in den knappen Pausen nicht genug Koffein und Zucker zu sich nehmen kann. Glücklicherweise gibt es aber immer wieder gute Moderatoren, die den Rahmen spannen, die wichtigsten Thesen aufgreifen und erste Fragen stellen. Und es gibt Kristoffer Gansing, den künstlerischen Leiter der Transmediale, der mit seiner jungenhaft-sympathischen Präsenz dieser erstklassigen Riege an Denkerinnen und Denkern die Wucht nimmt. Weil er jedem auf Augenhöhe begegnet, ohne dem Thema die Tiefe zu nehmen. Seine Einleitung startete er treffsicher mit dem Trailertext des Kultfilms Trainspotting.

Poetisch und provokant sollte dieser Text den gedanklichen Rahmen der kommenden Tage deutlich machen. Und er passt zur Struktur der Eröffnung, die immer wieder durch künstlerische Interventionen aufgelockert wurde. Der Trainspotting-Text taucht in abgeänderter Form im Trailer der Transmediale auf, zu Beginn der Eröffnung in Langform gelesen von Künsterlin Hanne Lippard:

Die Variation soll die Veränderung reflektieren von einer damaligen Gesellschaft, ausgerichtet auf Massenkonsum und vermittelt über Wahlmöglichkeiten – so begrenzt diese gewesen sein mögen – hin zur heutigen vernetzten Welt, in der jeder Konsument immer auch gleich Produkt ist.

Der Film Trainspotting markiert die Veränderung von einem Wohlfahrtsstaat hin zu einem zunehmend prekären, neoliberalen Staat, so Kristoffer Gansing. Früher konnte der Hedonist zumindest über Drogen eine Flucht finden. Heute scheint das nicht mehr so leicht. Fast wie abhängig sind wir Teil der allgegenwärtigen Erfassung und Evaluierung unserer selbst. Und als wolle er den eiskalten Schauer, den diese Realitätsbeschreibung verursacht, unterstreichen, schnieft Gansing in sein Taschentuch:

Still Playing

Im Anschluss an Kristoffer Gansings Einleitung präsentierten die beiden italienischen Künstler Salvatore Iconesi und Oriana Persico ihren Data Gott namens Stakanov: ein mittels Algorithmen agierendes Orakel, das auch in der Ausstellung zu sehen war. Dieser Data Gott speist sich aus den Daten von Millionen von Menschen, die sich in sozialen Netzwerken äußern, und versucht aus diesen Daten wiederkehrende Muster zu finden, um daraus wiederum Vorhersagen über die Menschen zu treffen: Wo sie sein werden oder welche Gefühle sie haben werden. Auch Stakanovs wunderbar selbstironische Erfinder finden das gruselig. Folgende Prophezeiung gilt dem Festival selbst:

Google is the worst

Weniger zum Schmunzeln war auch der Auftritt von Peter Sunde, Mitbegründer der schwedischen Peer-to-Peer-Plattform Pirate Bay. Nach einer Klage gegen ihn und seine Kollegen war er sechs Monate hinter Gittern und wurde erst vergangenen November entlassen. Er setzt sich als Entwickler (z.B. Hemlis) und Aktivist für freiheitliche Informations- und Kommunikationsrechte ein, gegen Monopole, für autonome Alternativen und ihre Finanzierung. Eine seiner Antworten in einem kurzen Q&A: „Google is the worst“.

Ebenso desillusionierend wirkte dann auch der Auftritt von Thomas Drake und William Binney, ehemalige NSA-Mitarbeiter, die nach der massiven Überwachungsausweitung nach 2001 zu Whistleblowern wurden. Besonders Drake holte auf der Bühne zu einem harten, verbalen Reality-Check aus: „Wir befinden uns in einem globalen Informationskrieg“, sagte er. Die totale, weltweite Überwachung sei längst keine Sci-Fi-Dystopie mehr, sondern Wirklichkeit. 

Freiheit vs. Sicherheit

Dass Datenüberwachung mit Sicherheit und Schutz vor Terrorismus am Ende doch weniger zu tun hat, als so viele Millionen brave Staatsbürger meinen, das brachte Thomas Drake in einem sehr lesenswerten Interview mit Wired (zusammen mit der Snowden-Anwältin Jesselyn Radack) auf den Punkt:

Angst führt dazu, dass Menschen ihre fundamentalen Rechte aufgeben. In Europa sterben mehr Leute bei Autounfällen als jemals durch Terroranschläge. Warum verbieten wir nicht einfach Straßen? Terroristen benutzen auch Autos, verbieten wir die doch gleich mit. Es ist ein Irrglaube, dass wir durch genügend Überwachung Sicherheit in unserer Gesellschaft schaffen können. Uns muss stattdessen klar werden: Anschläge, wie der auf Charlie Hebdo, passieren eben – trotz massiver Überwachung.

Thomas Drake

„Digitaler Totalitarismus“ nannte es einen Tag später Byung-Chul Han, kontroverser Zeitdiagnostiker und Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin, bei seinem Vortrag über die Auswirkungen der „Capture All“-Welt auf unser Leben. Harte Worte – polemisch, aber nicht ganz unberechtigt. Beitragen tue zu dieser Datenherrschaft ohnehin jeder ganz freiwillig: unter dem Banner von Smart Things, von Status und Selbstoptimierung.

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Vielleicht ist diese ganze Misere mit Big Data doch kein Spiel, das es noch zu gewinnen gilt, das man entweder mitspielt oder nicht. Diese dunkle Vorahnung bekam man auch im Panel „All Work And No Play“ am Freitagnachmittag. Es ging um das Quantified Self, das durchleuchtete Ich. Dieses große Computer Game um Follower, Likes und Selbstverbesserung das wir Tag ein Tag aus spielen würden, habe nicht nur längst alle Grenzen zwischen Leben und Arbeit verwischt, sondern sei im eigentlichen Sinn auch gar nicht mehr playful, sagte Daphne Dragona, die mit Kristoffer Gansing zusammen das Festival kuratierte.

Es sei so, wie im Titel des Panels angedeutet: Kein Spiel mehr, alles Arbeit. Alles ferngesteuerte Obsession. Selbst wenn wir glauben zu spielen, ergeben wir uns eigentlich bloß äußeren Zwängen. Die bunten Oberflächen und smarten Apps sollen nur davon ablenken, dass es gar nicht mehr wirklich um den Spaßfaktor geht, sondern um pure Effizienz.

Der einzige Grund, so dachte man bei all der Hilflosigkeit der Diskutierenden, noch mitzuspielen, sich zu wehren, ist es wohl, sich aus einer tiefen Menschlichkeit heraus, mit dem Verlieren nicht so einfach abfinden zu wollen. Dunkle Zeiten. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Wie es weiter gehen könnte

Denn es ging auch anders, es ging optimistischer: Da waren die vielen Medienkünstler, die mit allerhand Tricks und Kniffen versuchen, ein paar Störfaktoren in das System einzubauen. Der Ansatz: Was nicht vorgesehen ist in Algorithmen und Kalkulationen, das verzögert den Datenfluss, weil es Vorgänge in Frage stellt.

Da war etwa die amerikanische Künstlerin Jennifer Lyn Morone. Ihr Projekt, das auch in der Transmediale Austellung gezeigt wurde, dreht sich um das Thema Datenselbstermächtigung: Wenn schon Geld mit ihren Daten verdient wird, dachte sich Morone, dann soll es wenigstens auch ihr zu Gute kommen. Prompt gründete sie eine Firma, „JLM Inc“, eine Ich-AG im ganz buchstäblichen Sinn: Statt es irgendwelchen Firmen zu überlassen, handelt die Künstlerin selbst mit ihren Daten. „Wir sind alle Datensklaven“, sagt sie in einem Ausstellungsvideo. Dann doch lieber mitverdienen, lieber „Extremer Kapitalismus“, wie sie es nennt. Neben dem Videobildschirm lag ein abgegriffener Preiskatalog: Einen Cent kostet ihr Name, schon 200 Dollar aber für ihre IP-Adresse und 4999 Dollar ihre Sozialversicherungsnummer.

So ist Morone gleichzeitig Geschäftsführer und Produkt ihrer eigenen Firma. Eine clevere Idee war das, eine wichtige Geste gegen die Allmacht von Google, Apple und Facebook (das bezeichnenderweise mit seinen neuen AGBs den schlauen Köpfen auf der Transmediale schon wieder einen Schritt voraus war). Klar ist aber auch: Der Aufwand diese Daten – beispielsweise ihre Patientenakte – zu sammeln, war enorm, viel größer, als der Wert der Daten letztlich ausmachen wird. Vor allem wenn man bedenkt, dass Jennifer Lyn Morone vermutlich nie wirklich sicher gehen kann, dass nur sie für ihre Daten Geld erhält.

Jennifer Lyn Moron: Das Logo ihrer Firma

Jennifer Lyn Moron: Logo ihrer Firma JLM Inc

Vielleicht war das auch der Grund, warum Morone bei der Eröffnungszeremonie ihre geplante Performance gleich nach wenigen Minuten unterbrach. Sie konnte sich den Worten von Peter Sunde nur noch anschließen und dazu aufrufen, sich aus den Diensten, die unsere Daten speichern, zu löschen oder zu versuchen, ein anderes Spiel zu spielen.

Offensives Spiel

Glücklicherweise gab es auch andere Statements, die eine offensivere, selbstironisch-positivere Haltung als Jennifer Lyn Morone einnahmen. Die griechisch-britische Künstlerin Erica Scourti zum Beispiel. Ihre Beat Poetry-Performance während der Eröffnungszeremonie basierte auf einer Mischung aus Autokorrektur-Technologie, die sie selbst trainierte und eigenen Codes und gab einen Ausblick auf die vielen Künstler und Aktivisten, die sich im Laufe der Transmediale präsentieren konnten. Allen ist gemein, dass sie nicht aufgeben oder aussteigen wollen, sondern weiterspielen, sich offensiv zeigen, die Technologie nutzen, um die Machtstrukturen aufzudecken und zu brechen.

Erica Scourtis Performance bei der Eröffnung war minimalistisch in ihrer Aufmachung: die Künstlerin kam in Alltagsklamotten auf die Bühne, stöpselte ihr Smartphone ein, so dass auf dem riesigen Bildschirm hinter ihr das Display für alle sichtbar wurde. Dann tippte sie: „I Think You Know Me“. Ab da konnte man dem Text auf dem Bildschirm, den Codes, die sie eingab, um bestimmte Satzfragmente zu schreiben, und den vom Programm vorgeschlagenen Worten kaum noch folgen – umso besser aber ihrem Flow:

Am Ende ward es Licht

Damit nicht alle ganz deprimiert nach Hause gehen mussten, gab es dann auch noch ein buntes, helles Spektakel – eine bombastische Lasershow, die sich wie Balsam auf die geschundenen Seelen legte. Im Rahmen einer Kollaboration der Transmediale und ihrem musikthematischen Schwester-Festival CTM brachten der australische Laser-Künstler Robin Fox und Beat-Mastermind Uwe Schmidt alias Atom TM ihre Raum-Klang-Installation „Double Vision“ als Live-Event auf die Bühne.

Wie verrückt zuckten und schwebten da Laserstrahlen durch das große Auditorium. Die Gedanken drehten sich bei so geballter Zukunfts-Ballaballa so wild um eine digitale Variante des Huhn-Ei-Problems, das einem ganz schwindelig wurde: War jetzt erst die Musik in der Welt, diese dumpfen Bässe und knarzenden Beats, und dann das Licht, das in ihrem Takt tanzte? Oder war es genau andersrum – waren die Klänge nur Untermalung für die Bewegung der Laser?

Und wie man so darüber nachdachte, hatte man kurz die ernüchternde „Capture All“-Realität vergessen, weil man sich von der Technik so gut unterhalten fühlte. Solange man sich ganz darauf einließ und keine Handybilder knipste, postete oder twitterte, war man immerhin dem Datenwahnsinn für einen kurzen Moment entflohen. Das ist eines der schönsten Dinge auf jeder Transmediale: Die Kunst hat immer das letzte Wort.

Atom TM und Robin Fox: "Double Vision"

Atom TM und Robin Fox: „Double Vision“

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